joebonamasa tourflyerKaum ist der neue Dreher "Different Shades Of Blue" auf dem Markt taucht die momentane Leitfigur des Blues wieder auf Tour in Europa auf. Eigentlich ist JOE BONAMASSA ja das ganze Jahr unterwegs, sein Aufstieg kommt ja nicht von ungefähr, sondern wurde hart erarbeitet, oder besser gesagt erspielt. Nachdem die aktuelle Langrille nicht zu den absoluten Top-Werken des Mannes zählt, muss er mehr denn je auf der Bühne beweisen, dass die derzeitigen Lobeshymnen auf ihn gerechtfertigt sind. Bei seinem Pensum läuft er vielleicht sogar Gefahr sich zu überspielen, aber er will den Ball immer am Laufen halten, nur so bleibt man in den Köpfen der Leute, wie der Star selbst meint. Eine der letzten Stationen in diesem Jahr, bevor es ans Auftanken geht, absolvierte Bonamassa im luxemburgischen Esch-Sur-Alzette, läuft da der Bluesrocker noch einmal zu Höchstform auf?

Pünktlich um halb Neun betrat einer der derzeit wichtigsten Protagonisten des Rock die Bühne, was auch zu seiner immer adretten Attitüde auf der Bühne passt. Der Amerikaner ist ein Gentleman, dem man den Briten viel eher abnehmen würde. Immer wieder plaudert er locker aus dem Nähkästchen, unterhält seine Fans mit Anekdoten. Wie alle Konzerte in diesem Jahr, Festivals ausgenommen, beginnt auch jenes mit einem fünfzigminütigen Akustikset.
Beim ersten Lied sitzt er noch ganz alleine auf seinem Hocker in einem Halbkreis erlesener stromloser Klampfen. Und doch ist hier schon seine ganze Kraft zu spüren, das brillante Spiel zu beobachten, wenn er mit einer Leichtigkeit über die Saiten gleitet. Es gelingt nicht wenigen Frontleuten ganz alleine, nur mit einer Akustischen ein großes Auditorium zu füllen, BRUCE SPRINGSTEEN ist einer davon, aber auch JOE BONAMASSA ist in diese Liga aufgestiegen.

Beim zweiten Stück gesellten sich dann sein Percussionist Lenny Castro und Tastenmann Derek Sherinian dazu. Für völlig neue Klangfarben sollten der Ire Gerry O´Donnell und der Schwede Mats Westen an diversen Instrumenten wie Geige und Mandola sorgen. Schon bei seiner Akustikshow in Wien, die auf DVD aufgezeichnet wurde, arrangierte der Musiker einige seiner Stücke für eine größere Besetzung um. Bei der Tour zum voran gegangenen Dreher servierte er die Songs noch in einem reduzierteren Gewand. Wie gut dies funktioniert, bewies nicht nur der Meister selbst, auch die deutschen EPITAPH zeigen auf ihrer aktuellen Veröffentlichung welch wunderbare Atmosphäre Streicher bei Unplugged-Einsätzen erzeugen können.

Das weltmusikalische Flair brachte die folgende BAD COMPANY-Coverversion noch näher an LED ZEPPELIN, als es Paul Rodgers & Co. ohnehin schon waren. Alle Instrumente flossen in einem wunderbaren Soundreigen ineinander, und webten einen ungemein dichten Teppich, welcher sich wohlig über die Zuschauer legte. Von den Arrangements her war das zweite Stück nicht die einzige Verbeugung vor dem im Bluesrock ewig präsenten Luftschiff. Schwere Pianotöne im ruhigen Titel aus "The Ballad Of John Henry" erinnerten an "No Quarter", wobei der ohnehin großartige Song hier noch aufgewertet wurde.
Die beschwingte TOM WAITS-Nummer vom selben Album lebte hingegen vom unglaublich coolen Piano Sherinians. Bonamassas ehemaliger BLACK COUNTRY COMMUNION-Sidekick sollte im Verlauf des Abends einige Solospots bekommen, bei denen er auch das Rampenlicht genoss. Dies ist ein Zeichen des großen Respektes des Gitarristen vor seinen Mitstreitern und der Geschlossenheit dieser Formation auf der Bühne. Ob nun Prometheus wirklich Derek Sherinian heißen würde, wenn er als Keyboarder wieder zur Erde zurück käme, wie der Frontmann anmerkte, wissen wir allerdings nicht.

Was der Schreiber dieser Zeilen weiß, ist dass hier aus dem Fundus eines der wichtigsten Künstler unserer Zeit einigen Stücken zu völlig neuer Wirkung verholfen wurde. Schon hier bewies die Formation ihr ungeheures Gespür für den richtigen Ton und die Dynamik. Gerade Westen hatte bei einigen Songs einen Ton in ganzen zwölf Takten, doch der kam dann super genau auf den Punkt. Gerade die unverfälschte Herangehensweise verzeiht keine Fehler, und die Fünf machten tatsächlich keinen, so ein perfektes Zusammenspiel habe ich, wenn überhaupt, nur selten erlebt. Hier sind wahre Könner am Werk, die Bonamassa nicht umsonst als die besten der Welt pries.
Beim letzten Song durfte fast jeder mit einem Solo ran, was sich wie eine Weltreise im Schnelldurchlauf anhörte. Dabei ist diese Nummer Bluespuristen schon immer ein Dorn im Auge gewesen, diese Fassung treibt es mit Irish Folk und Country auf die Spitze. Doch es zählt das Ergebnis, und das ist phantastisch. Und ganz ehrlich, ob Blues oder Metal, wer heute in der Musikwelt noch mit Scheuklappen durch die Gegend rennt, hat den Schuss nicht gehört.

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Nach einer viertelstündigen Pause, die bei der vollbesetzten Halle gerade einmal für den Gang zum Örtchen reichte durchbrachen dann sphärische Töne, welche das Intro aufnahmen die Dunkelheit auf der Bühne. Als diese in den Titelsong des 2011er-Longplayers mündeten, erhellte eine wirkungsvolle Lightshow die Bretter. Waren beim voran gegangenen Set nur die weißen Strahler an, so unterstrich nun das stimmige Bühnenbild die Atmosphäre des Songs. Zwar war die Lichtanlage nicht sonderlich spektakulär, wurde aber gut in Szene gesetzt. Die Töne des eröffnenden Tracks umhüllte die Zuschauer und leiteten auf ihre Art in den zweiten Teil über.

Da war die Band, nun ohne O´Donnell und Westen, dafür mit der etatmäßigen Rhythmusgruppe um Tal Bergman und dem beseelten Bassisten Carmine Rojas mit dem Opener des aktuellen Studiowerkes endgültig angekommen. Nach dem gefühlvollen A Capella-Intro krachte dieses großartige Riff in die Halle. JOE BONAMASSA griff beherzt in die Saiten, seine Les Paul tat, was eine Les Paul eben so tut - nach Herzenslust braten. Sherinian schob den Titel mit seiner Hammond noch mehr an und die Rhythmusfraktion groovte mächtig. Eine einzige Soundwand türmte sich auf und fegte wie ein Orkan über die Fans hinweg, presste diese förmlich in ihre Sitze.
Niemand geringeres als Robert Johnson höchstpersönlich hat hier direkt aus der Hölle die Lautstärkeregler bis hinter den Anschlag hochgeschoben. Wer nun annimmt, dass dieses Klangerlebnis im Lärm unterging, sah sich getäuscht. Ich weiß, dass ich mich wiederhole, wenn ich den Raumklang der Rockhal über den grünen Klee lobe. Doch hier machte sich dieses Gemäuer, einzig errichtet für solche Feierstunden, bezahlt. Jeder Ton war klar und differenziert hörbar, in einer ruhigen Passage war sogar das Nachschwingen der Schellen irgendwo in den Tiefen der PA zu vernehmen, als Lenny Castro ein Tamburin weg legte.

So kamen die Kompositionen mit einer unglaublichen Brillanz rüber, lebten zudem noch von dem blinden Zusammenspiel der Herren. Alles war perfekt ausgefeilt, die Musiker kommunizierten ständig miteinander, präsentierten nach der langen Konzertreise als konzentrierte und spielfreudige Einheit. Gegen das, was hier dem Zuhörer geboten wurde, wirkt "Different Shades Of Blue" fast etwas dahin gerotzt. Da hat auch der hoch oben thronende Bergman seinen Anteil daran, sein Spiel ist der Motor der Truppe.
Es gibt Powerdrummer wie Mikkey Dee oder Tommy Aldridge, die derbe ihre Felle gerben, was spektakulär aussieht, oder auch Schlagzeuger mit einem feinen Ton wie Max Weinberg oder Ian Paice. Bergman beherrscht beides, er ackert wie ein Wilder hinter seiner Schießbude, zerballert die Stücke aber nicht, sondern serviert selbst feinste Nuancen mit dem richtigen Gefühl für den Schlag. Beim Solo gemeinsam mit Castro trommelten sich beide gekonnt und supertight ins Nirvana.

Bei der Setlist bedachte der Meister auch vor allem seine bedeutendsten Alben, wenngleich fast sein kompletter Backkatalog zum Zug kam. Vom neuen Longplayer gab es drei Songs, von denen zwei schon bei der Tour im Frühjahr vorgestellt wurden. Hier hätte man vielleicht etwas Neues bieten können, denn den Titelsong und "Never Give All Your Heart" hätte ich gerne gehört. Doch jene beiden Titel kommen live so kraftvoll, dass sie kaum aus dem fast zweieinhalbstündigen Programm wegzudenken sind.
Da wäre der dritte vom neuen Werk eher ein Streichkandidat gewesen. Mit so einem Fundus im Rücken fällt es natürlich zunehmend schwerer, jedes der Lieder würde der geneigte Anhänger vermissen, wie etwa "Midnight Blues", welches beim SwedenRock noch gebracht wurde. Jenes Set glich zwar dem vom elektrischen Teil an dem Abend, ein wenig Abwechslung würde nicht schaden. Doch das Auseinandersetzen mit der Setlist wird doch schnell als halbgarer und gescheiterter Versuch entlarvt, hier ein Haar in der Suppe zu finden.

Es ist einfach die Art, wie der Mann die Songs interpretiert, am Ende standen dann zwei Glanzlichter, in Stein gemeißelt. Bei dem Stück aus der Feder der beiden Könner Bob Ezrin und dem zu früh verstorbenen Michael Kamen legte JOE BONAMASSA all sein Feeling in seinen Vortrag, verzauberte mit seinem warmen Gesang. Nur feine Leadfills und verhallte Keyboardflächen begleiteten ihn, die Textzeile "Mayday, Mayday, I was shot down over stormy Seas" wird zur Essenz des Blues. Bei der endlosen Solocoda stand da dieser Magier am linken Bühnenrand, seitlich, sowohl Band als auch Publikum im Blick, in den Lichtkegeln fast entschwebend und ließ sein Instrument wahrhaftig singen. Gefühl und Melodiösität verschmolzen zu einer perfekten Ehe, in dieser Kernschmelze verpufften selbst Heldentaten des Rock wie "I Believe In You" oder "Parisienne Walkways".

Das reguläre Set wurde wie immer von seiner Referenznummer beendet, die hier auf sechzehn Minuten ausgedehnt wurde. Wieder krachten die Riffs durch die Halle, wieder wurde das Tempo und die Intensität bis fast zur Stille gedrosselt, um dann immer mehr anzuziehen, die Orgel dröhnte fast bis zur Explosion, dann wieder ein totaler Bruch. Eine Lehrstunde in Sachen Dynamik, welche das Publikum durch ein Wechselbad der Gefühle schickte, während Bonamassa von der Schlacht zwischen Heiligen und Sündern sang. In der Zugabe gab er dann noch den Gilmour, und zeigte, dass er die komplette Klaviatur des Rock und Blues beherrscht.
So wie seine Stilistik ausufernd ist, so passt der Mann auch das Spiel an. Alles saß bei ihm perfekt, ob sphärisch, gefühlvoll, fordernd, egal ob Flitzfingerattacken oder man den nächsten Ton fast herbei sehnte. Zum Abschluss setzte es natürlich stehende Ovationen, bei der Zugabe waren nicht nur die beiden Streichmusiker zurück auf der Bühne, sondern auch die Fans direkt davor - und das in Luxemburg. Wie ich eingangs erwähnte, scheint er eine neue Langrille nur im vorbei gehen auf den Markt geworfen zu haben, sein wahres Wirken findet auf den Brettern, die die Welt bedeuten, statt. Und dort ist er besser denn je, ein Gigant, der hier eine Sternstunde ablieferte.

Setlist JOE BONAMASSA Unplugged:
Woke Up Dreaming
Seagull
Jelly Roll
Black Lung Heartache
Happier Times
Jockey Full Of Bourbon
Dislocated Boy
Ball Peen Hammer
Athens To Athens

Setlist JOE BONAMASSA Plugged:
Dust Bowl
Oh Beautiful
Who´s Been Talking
Blues Deluxe
I Gave Up Everything For You, ´Cept The Blues
Love Ain´t A Love Song
Sloe Gin
The Ballad Of John Henry
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Django
Mountain Time

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